Frage: In welchen Situationen bist du in Härte mit dir selbst?

18. November 2019

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Diese Frage habe ich vor einiger Zeit in meinem wöchentlichen Newsletter „Brief von Felix“ gestellt (den Du übrigens hier abonnieren kannst).

Petra antwortete mir mit einer langen E-Mail und ich möchte hier meinen Coaching-Impuls an sie mit euch teilen.

Morgen gibt es dazu noch eine konkrete Übung. Doch beginnen wir erstmal mit Petras Geschichte:

„Guten Morgen, selamat pagi lieber Felix.

Es ist kaum 24 Stunden her, dass sich mir die Härte mit mir selbst im vollen Ausmaß gezeigt hat. Schon das zweite Mal in diesem wunderschönen Urlaub auf Bali. Nach stundenlangem Gehen durch die chaotischen Straßen von Ubud bei 32°C tropischer Hitze konnte ich einfach nicht mehr, meine Beine wollten keinen Meter mehr gehen, am liebsten wäre ich einfach irgendwo sitzen geblieben in dem lauten Chaos, dass trotzdem auf eine merkwürdige Weise gut funktioniert. Wie war es soweit gekommen? Ich wollte doch jetzt noch nach dem anstrengen Besuch auf dem „traditional market“ so gern das „Yoga Barn“ hier in UBUD besuchen und vielleicht ein paar Worte mit dem spirituellen Lehrer Punnu Wasu sprechen, mit dem ich per Instagram so nett kommuniziert hatte.

Aber nach all den Kilometern zu Fuss, der Wärme und dem teilweise mehr als anstrengenden Handeln um jedes einzelne Mitbringsel auf dem Markt war mein Kraft-Akku schon bei max.17% angelangt. Wer weiss, vielleicht hätte mir ein Tag Auszeit auch ganz gut getan, da ich am Vortag in den Reisterrassen im Bergland unterwegs gewesen und auch noch unglaublich viele Stufen zu einem wunderschönen, versteckten Wasserfall hinab und auch wieder hinauf gestiegen bin. Nein, das war ja gestern. Ich muss heute wieder genau so gut funktionieren! Also, weiter, immer weiter. Ich zeig es allen, dass die kleine, dicke, verschwitzte Frau es schafft und zwischen den jungen Hipstern und Yogis bestehen kann. Ja, ich mache auch Yoga, schon seit 5 Jahren. Also darf ich hier sein, bei all den anderen. Im Barn werden Lehrer ausgebildet, man kann an Yoga- Reiki- und anderen Kursen teilnehmen, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt. Als ich aber schließlich das Ziel erreicht hatte, war ich so k.o., dass ich mich nach ein wenig umher gehen im Barn gefragt habe, was ich hier eigentlich will? Es war ein wunderschöner Ort, fern der Strassen im Urwald gelegen, mit jeder Menge kleiner Oasen zum Verweilen. Die Leute hier waren alle entspannt und voller Energie. Doch ich konnte das gar nicht mehr so recht genießen. Auch hatte ich keine Lust mehr, dem Heiler über den Weg zu laufen, was sollte ich ihm sagen? Nach einer kleinen Erfrischung in der Smoothie Bar bat ich meinen Mann Frank, der mich begleitet hatte, dass wir wieder gehen. Er verstand die Welt nicht mehr…

Auf dem Rückweg, bereits nach ein paar Metern, passierte es dann, ich brach mitten im Gewühl der Stadt in Tränen aus und blieb stehen. Es ging nicht mehr. Oder doch? Das konnte doch nicht sein! Mir war alles egal, wenn ich umfallen würde, wäre das jetzt auch egal. Ich wollte nur noch stehen bleiben. Doch ich ging weiter. Ein Taxi zu nehmen wäre ein Kinderspiel gewesen, so sitzen doch überall Taxifahrer in den Strassen und bieten ihre Dienste an. Ich ging weiter, immer ein Stück und war so wütend auf mich und auch auf meinen Mann, der so gar nichts dafür konnte! Schließlich erreichte ich mit gefühlt 0.5 % Akkustand den Shuttle zum Hotel und weinte im Bus nochmal los.

Zurück im Hotel, nach einer Runde im mittlerweile leeren Pool mit Blick in den Urwald hinein dachte ich nochmal darüber nach, was heute eigentlich geschehen war. Mein Mann beteuerte mehrmals, dass ich diese Leistung doch wenigstens anerkennen sollte, doch das konnte nicht. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, auch heute nicht. Ist es richtig, weiter zu gehen und Grenzen zu überschreiten oder ist es einfach nur dämlich? Ich will es immer schaffen!Liebe Grüße Petra „

Liebe Petra,

da ist sie wieder, die Härte, die einen wundervollen Tag voller einzigartiger Eindrücke mit einem mal in eine nicht erbrachte Leistung verwandeln kann und somit in einen Tag, der nichts als enttäuschend war. 
Aber ist das wirklich wahr?
„Nach stundenlangem Gehen durch die chaotischen Straßen von Ubud bei 32°C“
„nach all den Kilometern zu Fuss“
„in den Reisterrassen im Bergland unterwegs gewesen und auch noch unglaublich viele Stufen zu einem wunderschönen, versteckten Wasserfall hinab und auch wieder hinauf gestiegen bin“
„Als ich aber schließlich das Ziel erreicht hatte“
„ich ging weiter“

Ich lese in deinen Worten 2 Dinge:

  1. du hast an diesen Tagen viele Dinge getan, die es anzuerkennen gilt.
  2. du umrahmst deine unvergesslichen Erlebnisse und letztendlich auch deine körperlichen Leistungen in Verbindung mit diesen Eindrücken mit unglaublicher Härte

Wie krass ist das, Petra?! Du hast eigentlich all deine Ziele erreicht, hattest aber keine Energie mehr übrig um dich darüber zu freuen, weil deine Gedanken, deine Härte sie dir genommen haben. 

Wusstest du, dass es oft die Härte ist, in der wir etwas tun, die es uns schwer macht unsere Ziele zu erreichen?

Wieviel Energie hast du an diesen Tagen verbraucht, dir Gedanken darüber zu machen, welche Leistungen du noch erbringen musst, welche körperlichen Grenzen du überschreiten musst, um diese Leistungen erbringen zu können und was passieren würde, wenn du diese Leistung nicht erbringen kannst?
Hast du dir die Enttäuschung auch schon so richtig bildlich vorgestellt und damit schon all die Emotionen gefühlt, die diese Enttäuschung mit sich bringen würde?  
Wieviel Energie glaubst du hast du dadurch verloren? 

Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und ich glaube, dass du mit deinen Worten eine Reihe meiner Leser berührst. In Härte mit mir selbst zu sein war auch lange eines meiner Themen. Immer Leistung bringen, immer Ansprüchen gerecht werden, immer Erwartungen erfüllen, bloß nichts verpassen und jedes noch so kleine Potenzial voll ausschöpfen ohne darüber nachzudenken woher die Energie für diese Mamutaufgabe eigentlich kommen soll.
Ich habe mir oft die gleichen Fragen gestellt, wie du:  „Ist es richtig, weiter zu gehen und Grenzen zu überschreiten oder ist es einfach nur dämlich? Ich will es immer schaffen!“

Woher weiss ich denn, wann ich eine Grenze erreicht habe und wann ich gerade einfach zu bequem oder zu ängstlich bin, um weiterzugehen?

Interessant ist, dass wir diese Unterscheidung in einer ganz bestimmten Situation perfekt beherrschen: mit unseren Kindern. Vielleicht kennst du die Situation, man ist gerade 10 Minuten losgelaufen und schon kommt das erste bewusst sehr lang gezogene: „Ich…kaaaann…nicht…mehr!“

Wie handelst du dann?

Wie prüfst du, ob dein Kind gerade wirklich keine Energie mehr hat oder schlicht und einfach keine Lust hat, weil es vielleicht gerade etwas Langeweile verspürt oder noch etwas Zeit braucht aus dem Alltag in der Natur anzukommen?

Was braucht dein Kind möglicherweise gerade?
Du würdest deinem Kind nie schaden wollen, deshalb betrachtest du die Situation sehr genau und entscheidest dann, aus dem Herzen heraus

Wie tust du das?

Bist du dann in Härte?

Bist du dann auf Leistung ausgerichtet?

Denkst du darüber nach welche Erwartungen das Kind nicht erfüllen wird?

Welchen Maßstab setzt du an?
Wie beginnst du die Wanderung?

Hast du ein festes Ziel, was auf Biegen und Brechen mit deinem Kind erreicht werden muss, oder bist du sanftmütig indem du euch ein Ziel setzt und dich darauf freust zu erfahren wie weit ihr an diesem Tag kommt?

Bemerkst du den Unterschied, Petra?

Artikelbild: Moritz Mentges auf Unsplash

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